„KI von Menschen für Menschen" – Wolfgang Sissolak über den echten Einsatz von KI in der Pflege

Share on LinkedIn
Share on LinkedIn

Wolfgang Sissolak kennt das österreichische Gesundheitssystem von innen – seit mehr als 20 Jahren. Als Pflegedirektor im Krankenhaus Göttlicher Heiland weiß er, wo der Schuh drückt: Wo früher dieselben Patient:innen wochenlang auf einer Station lagen, rotiert heute die Belegung teils täglich. Was früher 20 Aufnahmen und Entlassungen pro Woche bedeutete, sind heute bis zu 140 – auf denselben 20 Betten.

Er hat entschieden, das nicht einfach hinzunehmen – und treibt den Einsatz von KI aktiv voran. Nicht als Technologiebegeisterter, der Lösungen sucht, sondern als Praktiker, der die Probleme kennt. Im Gespräch mit FiveSquare erzählt er, welche Projekte bereits laufen und warum KI die Beziehung zwischen Pflegenden und Patient:innen nicht schwächt, sondern stärkt.

Was hat dich dazu bewogen, dich mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen – und warum möchtest du ihren Einsatz in der Pflege vorantreiben?

Tatsächlich habe ich eine lange Karriere in der Pflege hinter mir, nämlich rund 20 Jahre mittlerweile. Was hat mich jetzt dazu bewogen, mich mit KI auseinanderzusetzen? Ich bin grundsätzlich jemand, der sich immer schon gerne für Technik interessiert hat – ganz allgemein. Das war für mich immer spannend.

Meine ersten Berührungspunkte mit KI waren - wie bei vielen anderen - klassische Large-Language-Modelle: als Formulierungshilfe, als Unterstützung beim Nachdenken. Über diese erste Nutzung bin ich dann Schritt für Schritt weitergegangen, und irgendwann ist die Frage aufgekommen: Was könnte diese Technologie eigentlich noch leisten?

Wenn man sich dann ein wenig damit beschäftigt, wohin die Reise gehen könnte, ist das natürlich etwas total Spannendes. Vor allem in meinem Umfeld: Ich bin Vorstandsmitglied in einem Krankenhaus, für den Bereich Pflege zuständig und von meiner Grundprofession her gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger. Ich glaube aber, ich hätte mich in jeder anderen Funktion ähnlich damit beschäftigt - egal, für welchen Bereich ich zuständig wäre. Aus meiner Profession heraus setze ich mich jetzt naturgemäß besonders für den Einsatz in der Pflege ein, aber ich könnte mir die gleichen Ansätze auch im Verwaltungsbereich vorstellen.

In den letzten Jahren stehen wir allerdings unter immer mehr Druck. Es wird einfach alles schneller. Das Gesundheitssystem hat sich massiv verändert. Früher hatten wir sehr lange Belagstage - für eine Operation lag man mehrere Wochen im Krankenhaus. Heute geht vieles in sehr kurzer Zeit. Wir können Eingriffe in kürzester Zeit durchführen, Patientinnen und Patienten werden tagesklinisch operiert, wo sie früher wochenlang gelegen sind. Im „schlimmsten“ Fall sind es nur noch ein paar Tage. Natürlich gibt es auch noch längere Liegezeiten, aber das ist eher die Ausnahme geworden.

Das bedeutet, der administrative Turnover wird immer schneller. Wenn ich 20 Betten auf einer Station habe und dort liegen eine Woche lang dieselben Patienten, dann habe ich Anamnese und Entlassung jeweils nur einmal. Wenn sich in denselben 20 Betten die Patienten aber täglich austauschen, habe ich Anamnese und Entlassung nicht mehr 20-mal in einer Woche, sondern 140-mal. Das potenziert sich enorm.

Genau bei diesen Tätigkeiten stellt sich die Frage: Wie kann ich Zeit gewinnen? Wie kann ich Prozesse beschleunigen? Was lässt sich automatisieren? Und da ist Künstliche Intelligenz ein spannender Ansatzpunkt.

Für mich ist KI mittlerweile so etwas wie ein kleiner, inzwischen durchaus sehr intelligenter Assistent, der immer „mitläuft“ und mich bei der Durchführung meiner Aufgaben unterstützt.

Kannst du Beispiele nennen, bei welchen Aufgaben oder Prozessen KI schon heute ganz konkret helfen kann?

Ich glaube, wir befinden uns insgesamt noch in den Anfängen dessen, was in ein paar Jahren möglich sein wird. Aber mit dem richtigen Partner lassen sich bereits jetzt sinnvolle und effektive Lösungen sehr schnell entwickeln. Viele Menschen nutzen heutzutage nicht mehr die klassische Google-Suche, sondern fragen direkt bei KI-Systemen nach, weil diese im Dialog mit ihnen sprechen. Und genau da haben wir angesetzt.

Wir verfügen über eine große Menge an Beratungsmaterialien, Broschüren und Informationsunterlagen für Patientinnen, Patienten und Angehörige. Doch es macht einen riesigen Unterschied, ob jemand selbst mühsam im Inhaltsverzeichnis nach einem Begriff suchen muss - und dafür überhaupt wissen muss, wonach er sucht - oder ob ein digitaler Assistent weiterhilft. Gerade im Gesundheitswesen gibt es sehr viel Fachsprache. Nicht jeder weiß, wie ein bestimmter Begriff lautet oder wie man ihn richtig formuliert.

Ein KI-gestützter Assistent kann in solchen Fällen unterstützen. Wenn jemand beispielsweise sagt: „Da war etwas mit Hilfsmitteln und einem Griff auf der Toilette, aber ich weiß nicht mehr genau, wie das hieß“, dann hilft die KI weiter. Das war ja auch eines unserer Projekte gemeinsam mit euch bei FiveSquare. Die KI erkennt: „Du meinst wahrscheinlich Haltegriffe für die Toilette.“ Und sie gibt dann passende Hinweise oder nennt - ohne konkrete Namen - zum Beispiel einen Bandagisten als Anlaufstelle.

Das sind erste, einfache, aber äußerst wirkungsvolle Ansatzpunkte, bei denen KI Informationen aufbereitet und damit indirekt Pflegekräfte entlastet.

Natürlich ersetzt KI keine Beratungsgespräche. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir wollen den Menschen nicht ersetzen. Aber wenn Angehörige oder Patienten bereits mit einer konkreten, vorgefilterten Frage zu mir kommen, spart das enorm viel Zeit, weil wir sofort inhaltlich einsteigen können. Wenn ich jedoch erst herausfinden muss, was eigentlich gefragt ist, dauert das deutlich länger.

Unser Ansatz ist daher, sämtliche Prozesse effizienter zu gestalten und Beratungssituationen gezielter auszurichten. Aus Sicht der Angehörigen - unserer primären Zielgruppe in diesem Setting - ist die wichtigste Frage: Wann habe ich jemanden zur Verfügung, der mir etwas erklärt? Wem kann ich eine Verständnisfrage stellen wie: „Habe ich das richtig verstanden?“ oder „Ist das so gemeint?“.

Gerade dieses Hören, Reden, Nachfragen - für viele Menschen essenziell - kann KI hervorragend vorfiltern. Und das unabhängig von Uhrzeiten. Ob jemand um 9 Uhr morgens, um 23 Uhr abends oder um 3 Uhr in der Früh eine Frage hat, ist der KI völlig egal. Sie ist immer verfügbar. Und genau das ist der große Vorteil.

So schaffen wir ein deutlich breiteres zeitliches Angebot. Ein Krankenhaus ist zwar ein 24-Stunden-Betrieb, aber wir haben nicht rund um die Uhr die passenden Fachpersonen für ausführliche Beratungsgespräche vor Ort. In der Nacht liegt der Fokus auf anderen Aufgaben, und tagsüber sind viele Angehörige berufstätig und haben keine Zeit für lange Gespräche.

Hier wird KI zu einem enorm praktischen Partner für Angehörige - und für uns zu einem äußerst hilfreichen digitalen Mitarbeiter, der unser Beratungsangebot sinnvoll ergänzt.

Wie habt ihr eure Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesen Wandel vorbereitet?

Zum Thema „Menschen ersetzen“: Es gibt inzwischen sogar Studien, in denen medizinische Beratungsgespräche von Fachpersonal mit jenen verglichen wurden, die durch eine KI geführt wurden. Manche Gespräche mit der KI wurden teilweise besser bewertet. Warum ist das so? Vielleicht kommt irgendwann die „grantige KI“, die auch Stimmungsschwankungen hat – aber Stand heute ist es so: Jeder Mensch hat einmal einen schlechten Tag. Wir schlafen schlecht, haben Kopfschmerzen oder sind einfach weniger belastbar. Manche sind an solchen Tagen stiller, manche wirken gestresster und wenige sind vielleicht auch einmal unfreundlich. Das passiert jedem von uns.

Die KI hingegen bleibt immer freundlich – egal, wie lange ich sie befrage, wie oft ich dieselbe Frage stelle oder zu welcher Uhrzeit ich mich melde. Das macht sie für einige  Situationen zu einem sehr angenehmen Kommunikationspartner. Ich persönlich spreche in manchen Momenten tatsächlich eher mit der KI als mit jemandem, der kurz vor Dienstschluss genervt abhebt, während ich selbst vielleicht Kopfschmerzen habe. Die KI ist jederzeit verfügbar, reagiert kompetent und höflich.

Voraussetzung ist natürlich, dass wir sicherstellen, dass das System nicht halluziniert – also keine falschen Informationen ausgibt. Und genau das ist eine der größten Herausforderungen. Das war auch in unserer Projektarbeit mit FiveSquare ein zentrales Thema, das wir aber sehr gut lösen konnten.

Erst wenn ich mich auf die Aussagen des KI-Assistenten verlassen kann, kann ich ihn sinnvoll einsetzen.

Kostenlose Dienste können wir im Gesundheitsbereich nicht nutzen: Zum einen wollen die Hersteller meist mit unseren Daten weitertrainieren, zum anderen kann ich mich nicht darauf verlassen, wie das Modell in einer bestimmten Situation reagiert. Manche großen Modelle neigen dazu, „gefallen zu wollen“, und erzählen dann Dinge, die nicht korrekt sind. Genau deshalb braucht es verlässliche, sichere Systeme.

Damit komme ich zu der Frage, wie wir im Unternehmen damit umgehen. Egal ob im privaten klinischen Bereich oder dem New-Health-Sektor - wir beschäftigen uns aktiv und intensiv mit Innovationen. KI ist dabei ein Riesenthema. Wir haben ein eigenes KI-Board eingerichtet, das neue Systeme kritisch prüft – insbesondere hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit.

Wir arbeiten mit den sensibelsten Daten, die es gibt: Gesundheitsdaten. Diese müssen maximal geschützt sein. Sie dürfen niemals an Personen oder Organisationen gelangen, die keinen Zugriff haben dürfen. Patientinnen und Patienten – ebenso Bewohner:innen oder Kund:innen, je nach Setting – müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Daten bei uns sicher sind. Deshalb prüfen wir sehr genau: Mit wem kooperieren wir? Wo stehen die Server? Ist das EU-AI-Akt-konform? Welche ethischen Richtlinien folgen wir?

Wir sind eine christlich-sozial geprägte Organisation- Hinter uns stehen traditionell Frauenorden – daraus ist die Vinzenz Gruppe entstanden. Mittlerweile arbeiten wir mit vielen weiteren Trägern zusammen, aber unser Grundsatz bleibt:

Der Mensch steht im Mittelpunkt. Und genau deshalb ist die ethische Dimension für uns genauso wichtig wie der technische und datenschutzrechtliche Rahmen.

Darum ist es so entscheidend: Wo kann ein KI-System zusätzliche Angebote schaffen – und wo ist es weiterhin notwendig, dass der Mensch präsent bleibt und die persönliche Beziehung trägt? KI kann unterstützen, vorbereiten und entlasten – aber sie soll die menschliche Nähe und professionelle Beziehung nicht ersetzen.

Hast du Tipps oder Erfolgsfaktoren für andere Unternehmen in Medizin und Pflege?

Der wichtigste Punkt ist ganz klar der Datenschutz. Wenn der nicht gewährleistet ist, brauche ich gar nicht weiterdenken. Mit gängigen großen Systemen kann ich im Gesundheitsbereich nicht einfach arbeiten - im Gegenteil, ich muss extrem vorsichtig sein. Genau deshalb ist unter anderem unser KI-Board entstanden. Wir starten große Schulungsinitiativen für Mitarbeitende, denn es braucht einen bewussten, sensiblen Umgang. Jeder hat heute ein Smartphone, viele nutzen privat KI-Tools und da muss sichergestellt sein, dass keine sensiblen Daten an Stellen gelangen, wo sie nicht hingehören.

Gleichzeitig wollen wir Lust auf KI wecken. Dabei gibt es zwei Seiten: Manche fragen sich, ob ihr Arbeitsplatz gefährdet ist - und ja, es wird sicherlich einige Tätigkeiten geben, die künftig von KI übernommen werden könnten. Damit meine ich aber nicht die direkte Arbeit am Patienten oder ganze Berufsgruppen. Doch bei Dokumentation oder administrativen Aufgaben gibt es bereits heute leistungsfähige Spracherkennungssysteme, die durch KI noch intelligenter werden. Auch historisch betrachtet sind immer wieder Jobs verschwunden - und neue entstanden. Vor 100 Jahren hat niemand KI-Systeme gewartet, dafür gab es viel mehr Menschen, die Hufeisen beschlagen oder Fässer geschmiedet haben. Diese Berufe existieren heute kaum noch, aber dafür gibt es neue Berufsfelder.

Es geht also darum, Mitarbeitenden die Angst zu nehmen und gleichzeitig Neugier zu fördern.

KI ist eine unglaublich spannende Technologie, die riesige Möglichkeiten bietet - und die wir schon bald nicht mehr missen wollen. Es wird neue Aufgaben geben, und dann geht es darum, Menschen rechtzeitig zu qualifizieren.

Ein weiterer Punkt: Wir müssen das Bild der „Terminator-KI“ aus den Köpfen bekommen - die Vorstellung, KI könnte die Weltherrschaft übernehmen. Filme wie Terminator sind zwar unterhaltsam, haben aber mit der Realität nichts zu tun. KI ist ein Assistent. Sie unterstützt uns und wird künftig viele praktische Dinge für uns übernehmen.

Glaubst du, dass sich durch KI die persönliche Beziehung zwischen Pflegekräften und Patient:innen verändern wird?

Ja, definitiv - aber wenn man es richtig macht, verändert sie sich positiv. Wenn ich es schaffe, Dokumentationsprozesse zu automatisieren - das ist ja unser zweites Projekt mit euch, das allerdings technisch deutlich komplexer ist, dann erledigt KI Tätigkeiten für mich, die ich derzeit noch manuell mache.

Die Zeit, die ich dadurch gewinne, kann ich direkt für den Patienten nutzen. Und das erhöht die persönliche Zuwendung. Das ist unser großes Ziel.

Natürlich spielt Effizienz eine Rolle. Das Klischee, dass Gesundheitsberufe wahnsinnig viel Zeit mit Dokumentation verbringen, stimmt zum Teil. Wir haben zwar bereits sehr effiziente Systeme und dokumentieren bei uns nur das Notwendigste vieles über vordefinierte Felder oder Klickoberflächen, aber dennoch kostet es Zeit.

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich meinen digitalen Assistenten, der mich begleitet. Die Dokumentation wäre quasi ein Nebenprodukt. Am Ende fragt mich die KI: „Ich habe erkannt, dass du folgende Tätigkeiten durchgeführt hast - stimmt das?“ Ich bestätige es und es wird korrekt verbucht.

Außerdem wird KI uns helfen, Informationen viel schneller zu finden. Heute ist unser elektronisches Dokumentationssystem sehr umfangreich - mit Befunden, Laborwerten, Röntgenbildern, multiprofessionellen Einträgen, Verlaufsdokumentation und vielem mehr. Ich muss mich oft durch mehrere Tabs klicken, um alles zu sehen.

In Zukunft könnte ich sagen: „Zeig mir bitte das Infektionsgeschehen von Patient A, B und C.“ Und ich bekomme die relevanten Punkte grafisch aufbereitet - anstatt alles mühsam durchsuchen zu müssen. Das wäre eine enorme Erleichterung.

Wenn man es vergleicht: Heute bräuchte ich dafür fast eine persönliche Assistenz, die mir Unterlagen zusammensucht, sortiert und aufbereitet. Das würde Stunden dauern. KI könnte all das in Sekunden erledigen. Und ganz ehrlich:

Die wenigsten haben eine persönliche Assistentin oder einen persönlichen Assistenten, der ständig mit ihnen mitläuft und auf Zuruf Dinge erledigt. KI würde diesen „Luxus“ für die breite Masse verfügbar machen. Und das ist doch etwas wirklich Großartiges.

Deine Zukunftsvision von KI in der Pflege. Gibt es beim Göttlichen Heiland oder in der Vinzenz Gruppe konkrete Pläne, die du teilen darfst?

Wir haben tatsächlich zwei konkrete Projekte. Das erste ist unser Chatbot für pflegende Angehörige, den wir bewusst auf unserer Palliativstation umgesetzt haben – einem sehr sensiblen Umfeld.

Wenn es dort funktioniert, dann funktioniert es überall. Es ist das herausforderndste Setting, das wir uns vorstellen können.

Und genau deshalb war es für uns so wichtig, ein System zu entwickeln - mit eurer Unterstützung und eurem Large-Language-Modell, bei dem wir ganz klar wissen, wo unsere Daten liegen und dass die KI ausschließlich das sagt, was wir wollen und was fachlich korrekt ist. Mit anderen Modellen könnte ich zwar einfach fragen: „Welche Unterstützungsangebote gibt es für diese Situation?“, aber dort würde ich meist nur sehr allgemeine Antworten erhalten.

Der Chatbot, den wir gemeinsam entwickelt haben, geht anders vor. Er fragt zum Beispiel nach dem Wohnort, weil wir bewusst ein regionales Angebot abbilden wollten. Wenn jemand „Niederösterreich“ angibt, liefert er konkrete, geprüfte und verifizierte Angebote: Telefonnummern, Websites, Anlaufstellen – alles korrekt, aktuell und regional passend.

Genau das ist entscheidend: Wir müssen diese sogenannten Halluzinationen der KI verhindern und gleichzeitig genug Flexibilität bieten, damit das Gespräch natürlich wirkt. Die KI soll nicht nur starre Antworten liefern, sondern Kontext erkennen. Wenn jemand sagt: „Ich verstehe das nicht, kannst du es anders formulieren?“, dann muss die KI umformulieren können, ohne den Inhalt zu verändern oder etwas zu erfinden. Diese Balance zu finden ist anspruchsvoll, aber genau das ist uns sehr gut gelungen wie wir finden.

Das zweite Projekt betrifft die Pflegedokumentation. Wir beschäftigen uns damit, wie weit wir mit KI in diesem Bereich bereits kommen. Der erste Proof of Concept ist noch nicht tief in unsere Systeme integriert, aber er zeigt großes Potenzial. Die Idee ist, aus wenigen Stichworten einen verständlichen, korrekten Dokumentationseintrag zu erzeugen und Mitarbeitende dabei zu unterstützen, zu wissen, wo etwas dokumentiert werden muss.

Ein weiterer Faktor ist unser vielfältiges Team. Wir sind im Großraum Wien tätig und haben viele Mitarbeitende mit Migrationshintergrund. Nicht alle sprechen perfektes Deutsch - und selbst Muttersprachler formulieren nicht immer grammatikalisch einwandfrei. Fehler passieren schnell, Autokorrekturen ändern plötzlich Wörter, und das alles beeinflusst die Dokumentation.

Mit KI kann ich einfach diktieren - egal ob in perfektem oder gebrochenem Deutsch - und das System formuliert daraus korrekte, verständliche und einheitliche Einträge. Das spart enorm viel Zeit und erhöht die Qualität.

Aber das ist erst der Anfang dessen, was in der Dokumentation möglich sein wird. Wir stehen hier noch lange nicht am Ende. Der Einsatz von KI in diesem Bereich ist wesentlich komplexer, weil er tief in unsere bestehenden Systeme integriert sein müsste. Im Idealfall würde ich diktieren, und die Einträge würden automatisch in unserem Dokumentationssystem erscheinen. Doch dafür braucht es umfangreiche Schnittstellen, technische Freigaben durch den Hersteller und entsprechende Investitionen. Trotzdem: Die Richtung ist klar - und das Potenzial ist riesig.

Wie lief die Umsetzung und wie habt ihr die Partnerschaft erlebt?

Im Göttlichen Heiland Krankenhaus haben wir uns bewusst für eine Zusammenarbeit mit Fivesquare entschieden - vor allem, weil ihr in Bezug auf Datenschutz sehr hohe Standards setzt und die Datenhoheit vollständig in Österreich bleibt. Das war für uns ein zentraler Aspekt, überhaupt in konkrete Gespräche einzusteigen und ein mögliches Projekt zu evaluieren.

Dann haben wir ein sehr junges, dynamisches Team kennengelernt, das mit einer enormen Offenheit und Kreativität an die Sache herangeht. Schon die erste Konzeptionsphase war für mich spannend und inspirierend: einfach einmal gemeinsam zu überlegen, was möglich wäre, welche Ideen praktikabel sind und welche Schritte wir bewusst als erste Projekte wählen. Eines, das sofort praxistauglich ist, und ein weiteres, das als erster Ansatz in eine komplexere Richtung dient.

In der eigentlichen Projektarbeit konnten wir auf beiden Seiten Teams zusammenstellen, die von Anfang an sehr gut harmoniert haben. Ich war nicht bei jeder Sitzung dabei, aber wann immer wir uns getroffen haben, war die Atmosphäre ausgesprochen freundlich, wertschätzend und konstruktiv. Die Zusammenarbeit war lösungsorientiert, flexibel und unkompliziert. Auch während des Projekts kamen neue Ideen auf, die wir gemeinsam weiterentwickeln konnten.

Mit einem Unternehmen zusammenzuarbeiten, das so dynamisch, modern und unkompliziert agiert wie Fivesquare, war deshalb für uns nicht nur interessant, sondern tatsächlich sehr bereichernd. Und die ersten Erfolge haben sich auch erfreulich schnell gezeigt.

Damit sind wir tatsächlich schon am Ende unseres Interviews angekommen. Eine letzte Frage haben wir aber immer: Terminator oder Matrix – was erscheint dir wahrscheinlicher?

Puh – da müsste ich mich outen: Ich bin eher ein Trekkie. Wenn man aktuelle Staffeln anschaut, zum Beispiel Discovery, kommt dort immer wieder das Thema einer KI wie „Control“ vor. Die Frage ist also: Besteht diese Gefahr wirklich?

Ich glaube, wenn man mit der Angst herangeht, dass KI-Systeme ein eigenes Bewusstsein entwickeln und beschließen könnten, die Menschheit auszurotten, dann ist das eine völlig falsche Perspektive. Davon sind wir meiner Meinung nach sehr, sehr weit entfernt. Für Blockbuster-Filme taugt das Szenario zwar gut, aber mit der Realität hat es wenig zu tun.

Kürzlich habe ich eine andere Sprach-Engine ausprobiert – und jetzt beginnt mein Staubsaugerroboter sich mit der TTS-Engine zu unterhalten. Die begrüßt mich: „Hallo Wolfgang, schön, dass du wieder da bist.“ Und der Staubsauger antwortet: „Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden. Kannst du das bitte wiederholen?“ Offenbar reagiert er auf irgendetwas in ihrer Stimme.

Ich denke aber, solche Bilder sollte man nicht im Hinterkopf haben. Sie tragen nur dazu bei, dass man Angst vor diesen Systemen entwickelt, und das ist heute nicht nötig.

Vielen Dank, Wolfgang, für dieses offene und inspirierende Gespräch.

Übersicht